Eingedellter Fahrradhelm

Der Arbeitsweg

Das Miteinander von Fahrrad- und Autofahrern in Chemnitz war für mich schon immer etwas Befremdliches.

Ich fahre schon seit über einem Jahr ausschließlich mit dem Rad zur Arbeit und zurück. Fünf Kilometer, eine Strecke. Dabei führt mich meine Route vorbei am malerischen Schlossteich, durch kuschelig-enge Nebenstraßen des Kassbergs und schlussendlich und unvermeidlich die zu jeder Tageszeit vollkommen ausgelastete Weststraße entlang. Dabei trage ich jederzeit meinen Helm, selbst auf der kürzesten Fahrt. Ich habe sogar extra einen neuen Uvex Helm mit MIPS angeschafft, einer Technologie, die dafür sorgt, dass sich der Helm bei einem Aufprall ein Stück in sich verschieben und so verhängnisvolle Energie vom Kopf fernhalten kann. Alles nur, damit ich im Ernstfall so viel Sicherheit wie möglich habe.

Ich genieße meinen Arbeitsweg eigentlich, egal bei welchem Wetter. Das Radfahren macht wach, irgendwie glücklich und ich war nie so lange am Stück gesund wie seitdem ich Radfahrpendler bin.

Der Unfall

Nun war es auf dem Rückweg von Arbeit tatsächlich passiert. Viel früher als ich mir jemals auszumalen gewagt hätte – nach nicht einmal einem Jahr. Ich wusste, dass es nicht die Frage war, ob ich je einen Unfall haben würde, sondern wann und wie schwer. An diesem Tag übersah mich ein Autofahrer und nahm mir auf einer Kreuzung die Vorfahrt. Ich konnte nichts mehr tun, Bremsen, Lenken, alles war auf die kurze Distanz wirkungslos. Ich war für einen Moment sogar verwundert, wie der Fahrer mich auf die Entfernung nicht gesehen haben konnte. Dann fuhr mir das Auto ungebremst in die Seite, das Fahrrad rutschte unter mir weg und ich knallte mit lautem Splittern in die Windschutzscheibe, woraufhin ich mit dem Helm gegen den Dachholm schlug. Ich fuhr gefühlt eine halbe Sekunde eingebettet in der Scheibe mit, dann wachte der Fahrer auf und machte eine Vollbremsung. Ich schleuderte zurück auf den Asphalt und rollte irgendwie ab. In meinem Kopf spielten sich Bilder von herannahenden Fahrzeugen ab, die mich jeden Moment erfassen könnten. Nach einem sehr kurzen Check, ob ich blute oder etwas gebrochen ist, krabbelte ich schnellstmöglich von der Straße in Richtung Gehsteig. Ein Mann kam in mein Sichtfeld gerannt, sagte mir er wäre Arzt und hätte den Unfall gesehen, nahm meinen Kopf in seine Hände und gab mir die Anweisung, mich hinzulegen. Als ich lag, beugte sich kurze Zeit später eine Frau über mich. Sie habe den Unfall ebenfalls gesehen und sei Polizistin außer Dienst. Sie würde jetzt die Daten der Zeugen aufnehmen, ob es mir gut gänge, Hilfe sei schon unterwegs.

Da lag ich nun, mit Blick in den leicht bewölkten Himmel an diesem viel zu warmen Wintertag. Alles kribbelte, Hüfte, Knie und Hals fingen langsam zu schmerzen an, der Arzt hatte mir mittlerweile vorsichtig den Helm abgenommen und mir gesagt, ich solle meinen Kopf auf keinen Fall bewegen. Ich sortierte ohne zu gucken mein Handy aus meiner Tasche und rief meine Freundin an, sagte ihr, dass ich einen Verkehrsunfall hatte und ins Krankenhaus gefahren werde, ich mich später melde und ich sie liebe. Dass ich mich überhaupt in dieser Situation befand, schien mir in diesem Moment komplett unreal. Um mich herum schien mittlerweile alles voller Menschen zu stehen, es war viel los. Ganz in der Nähe konnte man bereits Sirenen hören. Augenblicke später war der Krankenwagen da. Der Arzt erklärte den Fahrern was er gesehen hatte, ich erklärte wo es überall zieht und sticht und was mir passiert war, woraufhin ich in eine spezielle Trage gepackt wurde und weder Kopf noch sonstetwas rühren konnte. In diesem Moment schoss mir ein Gedanke in den Kopf, der nicht ganz unzusammenhängend war: „Gottseidank warst du vorm Losfahren nochmal auf Toilette!“.

Im Krankenhaus

Wir fuhren ganz schön schnell. Die Fahrer gaben mir einen Zettel mit der Adresse des Zeugen, der mein Fahrrad verwahrt – sehr lieb. Gefühlt keine fünf Minuten später waren wir in der Notaufnahme eingetroffen und ich wurde direkt in ein CT geschoben. Es gab erste Entwarnung: nichts gebrochen, keine Blutungen, nur einige Prellungen, Gehirnerschütterung und eine Halswirbelsäulen-Zerrung. Ein zwei Stunden und Röntgen später (so genau kann ich mich hieran tatsächlich nicht mehr erinnern) ging es auf Station, wenigstens für die Nacht. Etwa eine Stunde war ich auf dem Zimmer, allein mit meinem eingedellten Helm und dem staubtrockenen Abendessen. Die Tür ging auf, meine Eltern und meine Zukünftige kamen zur Tür herein, den Tränen nahe und so dankbar, dass ich den Umständen entsprechend wohlauf war. Was habe ich mich gefreut, sie alle sehen zu können.

Die Folgen

Nächsten Nachmittag wieder zu Hause machten die Nachwirkungen der Gehirnerschütterung und der HWS-Zerrung mir am meisten Kopfzerbrechen. Im wahrsten Sinne, denn ich konnte mich kaum auf etwas konzentrieren. Dieser Nebel im Kopf lichtete sich dann aber zum Glück am Ende der zweiten Krank-Woche. Physiotherapie hatte ich ebenfalls bekommen und alles funktionierte am Ende wieder wie vor dem Unfall.

Es ist unglaublich, welche Auswirkungen selbst so ein „kleiner“, „langsamer“ Unfall haben kann. Ich kann mir gut vorstellen, wie hinzukommende Knochenbrüche oder andere schwere Verletzungen die Heilung (physisch und psychisch) zu einer halben Ewigkeit werden lassen können. Ich hatte noch einmal Glück im Unglück und dennoch noch oft die Bilder des Unfalls vor Augen.

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Fahrradhelm

Trägst du einen?

Chemnitzer Autofahrer

In Chemnitz sind gehäuft viele Autofahrer mit den Radfahrern auf Kriegsfuß. Da wird so nah überholt, dass der Verschluss meiner Fahrradtasche fast die Fahrzeugseite berührt, es wird enorm dicht aufgefahren und gedrängelt, stark beschleunigt und gebremst, an den engsten Stellen bei Gegenverkehr überholt (Wo willst du hin ausweichen, wenn es enger wird, als du dir vorher gedacht hast? Rammst du mich von der Straße, fährst du in den Gegenverkehr oder holperst den Bordstein rauf auf den Fußweg?). Es kommt auch vor, dass mit voller Absicht die Vorfahrt missachtet oder extrem knapp vor mir eingeschert wird, dass einem Angst und Bange werden könnte. Am schmerzlichsten sind dann auch noch die, die ihren Fehler nicht einmal bemerkt zu haben scheinen, oder die einem dann noch einen Vogel zeigen oder ähnliches.

Mittlerweile fahre ich nach einer längeren (durch den Unfall erzwungenen) ÖPNV-Phase wieder mit dem Rad. Ich habe meine Route jetzt geändert, sodass ich auf dem Heimweg fast ohne Autoverkehr nach Hause komme. Ich habe von meiner Partnerin eine spezielle Wetterjacke geschenkt bekommen, die bei Lichteinfall wie ein Christbaum aufleuchtet und reflektiert, um noch sichtbarer zu sein. Als nächstes werde ich mir noch eine Weste zulegen mit der Aufschrift „mind. 1,5 Meter Abstand“.

Das Fazit

Die Leute vergessen, dass jeder kleinste Kontakt mit dem Fahrrad oder mir für mich tödlich enden könnte. Dass ich eben nur ein Mensch auf einem Stahlgestell bin – ungeschützt, ohne Blechhülle oder Airbag. Wäre schön, wenn man sich, so sehr einen der mit 25 km/h vorausfahrende Radfahrer auch ärgert, das immer wieder ins Gedächtnis ruft. Ich bin kein Ding, ich bin ein Mensch.

Und tragt eure verdammten Helme. Sie retten Leben! Scheiß auf die Frisur.

Ein Gedanke zu “Fahrradhelme retten (mein) Leben”

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